Tomaten aus Mittldeutschland Teil 1

Teil 1: Erfurt

Rolf Bielau und Gisela Ewe

(Stand 06.04.2019)

Die Tomatenzüchtung regionaler Sorten in den damaligen Ländern Thüringen, Königreich/später Freistaat Sachsen und der preußischen Provinz Sachsen (Sachsen-Anhalt) reicht mindestens in die 1870er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Anfangs dominierten in den hiesigen Samen-Katalogen französische und englische Sorten. Seit 1830 sind gezielte Züchtungen in Frankreich und England nachgewiesen. Umgangssprachlich und in den deutschen Katalogen waren die Bezeichnungen Liebesapfel bzw. Paradiesapfel bis in die späten 1930er Jahre gängig.

Es gab Saatzuchtbetriebe in Erfurt, Eisleben, Quedlinburg, Aschersleben, Weißenfels, Naumburg, Altenweddingen, aber auch kleine Gartenbaubetriebe wie in Pechau bei Magdeburg, Calbe/Sa. und später Hobbysorten von einzelnen Privatpersonen. Institute in Großbeeren, Müncheberg und Pillnitz brachten ebenfalls einzelne Neuzüchtungen hervor. Darüber hinaus existierten eine Reihe Landsorten, die auf nur wenige Ursprungsformen zurück gingen und regional mit verschiedenen Namen gehandelt wurden. In den Saatgutkatalogen wurden die Landsorten entsprechend ihres Habitus (Gesamtheit aller wesentlichen und typischen sichtbaren Eigenschaften einer Pflanze) bezeichnet. Zum Beispiel „grossfrüchtige, gelbe“, „apfelförmige, rote“ oder „rote, birnenförmige“ (Beispiel in Abb. 1).

Abb. 1: Ausschnitt aus General-Katalog der Firma Heinemann 1893, Seite 16.

 Abb. 2: Kunstvoll gezeichnetes Deckblatt des Haupt-Verzeichnisses der Samen-Handlung von Ernst Benary 1891.

Diese Darstellung soll die Breite des Angebotes vor 1945, in der DDR und von 1991 bis in die Gegenwart zeigen. Die Autoren erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ergänzende Hinweise nehmen die Autoren gern entgegen.

Im ersten Teil dieser Publikation liegt der Fokus auf Züchtungen aus Erfurt. Im Teil Zwei werden Sorten aus anderen Regionen Mitteldeutschlands, mit dem Schwerpunkt Sachsen-Anhalt, beschrieben. Im abschließenden dritten Teil gibt es eine zusammenfassende Gesamtübersicht der den Autoren bekannten Sorten Mitteldeutschlands.

Während über Jahrzehnte die samenechten/ -festen Sorten dominierten, begann Ende der 1920er Jahre langsam die Tomaten-Hybridzüchtung. Durch die Kombination zweier reinerbiger Linien mit unterschiedlichen Eigenschaften, konnten in den Hybriden (F1) gleichmäßige Tomatenbestände mit zahlreichen Krankheitsresistenzen und höherem Ertrag geschaffen werden. Im Artikel sind alle Sorten ohne den Zusatz F1 samenfest (samenecht).

Erfurt war die Stadt mit vielen bekannten Samenzuchtbetrieben. Nach 1945 verlagerte sich aus politischen Gründen das Zentrum der ostdeutschen Pflanzenzüchtung bei Blumen und Gemüse nach Quedlinburg. Einige bekannte Erfurter Samenbaubetriebe, wie z. B. Ernst Benary, Carl Pabst und Domsaaten Erfurt verließen die DDR in Richtung Westen. Andere Firmen wurden enteignet und gingen im dortigen VEG (Volkseigenes Gut) auf.

Bereits 1879/80 kam die erste den Autoren bekannte Tomatensorte „scharlachrothe Türkenbund“ von der Samenzuchtfirma Ernst Benary in den Handel. Züchten hat hier die wissenschaftliche Bedeutung der Schaffung neuer Formen und Sorten mittels Selektion und Kombination durch Pflanzenzüchter. Nicht gemeint ist der heutige, oberflächliche, Wortsinn des Aufziehens und Anbaus, also der Produktion von Pflanzen.

1891 gab es im Haupt-Verzeichnis der Samen-Handlung von Ernst Benary inErfurt (Abb. 2) bereits 37 Sorten und 3 Mischungen von Tomaten bzw. Liebesäpfel, meist ausländischer Herkunft. Neben der Sorte „scharlachrothe Türkenbund“ wurde die Sorte „König Humbert“ als eigene Züchtung angeboten.

Benary war als größter und vielseitigster Samenzuchtbetrieb stets bestrebt, Neuigkeiten aus eigener Produktion zu präsentieren. 1927 kam die erste F1-Hybride mit dem Namen „Heterosis“ im Betriebskatalog heraus (Abb. 3). Sie wurde in der Höheren Gartenbau-Lehranstalt Eisgrub in Mähren, heute Lednice, von Prof. Franz Frimmel von Traisenau (1888-1957) gezüchtet, zu welcher die Firma Benary intensive Kontakte besaß. 1936 stand die Sorte „Heterosis“ noch in der Niederschrift der Sortenregisterkommission zum Anbau in Calbe/Sa.. Ein Katalog der Quedlinburger Firma H. Wehrenpfennig, Anfang der 1930er Jahre, führte diese F1-Hybride auch im Angebot. Wahrscheinlich bedingt durch den hohen intensiven Arbeitsaufwand bei der Produktion dieses speziellen Saatgutes verschwand die Sorte wieder schnell.

1950 folgte die Zuckertomaten-Sorte „Benarys Gartenfreude“, eine Mutation aus „Rote Beere“. Diese Sorte wurde nach dem Weggang der Firma Benary in den frühen 1950er Jahren nach Hann. Münden noch von der DSG (Deutsche Saatgut Gesellschaft) Erfurt mit der Sortenbezeichnung „Gartenfreude“ gehandelt. Heute ist diese Sorte von der Ernst Benary Samenzucht GmbH als Obsttomate wieder im Handel. Eine weitere Zuckertomate, „Benarys süs. St 4208“, wurde bereits 1957 beim Bundessortenamt gelöscht.

Der Samenhändler Johann Christian Schmidt in Erfurt züchtete die „Jubiläumstomate“. Das Zulassungsjahr ist den Autoren nicht bekannt, liegt aber vor 1900.

Die Samenbaufirma F. C. Heinemann züchtete die meisten Thüringer Tomatensorten. Bereits 1884 kam die gelbfrüchtige „Goldene Königin“ in den Handel. Diese Sorte war fast durchgängig bis 2015 in Deutschland zugelassen (bis 1989 in der DDR und ab 1999 in der BRD). Ab 30.11.2015 erfolgte eine Zulassung für die Firma Enza Zaden in den Niederlanden. Wahrscheinlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Sorten Heinemanns Praematura und Heinemanns Gurmet zugelassen. Sorten aus den 1930er Jahren waren „Heinemanns (neue) Fruchttomate“, „Heinemanns Erfurter Markt“, „(Heinemanns) Sieger“ und „NZ:390“. Züchter dieser Sorten war Rudolf Bulin. Außer der 1950 gezüchteten Stabtomate „Heinemanns Vortreffliche“, gab es die Buschtomaten „Heinemanns Jubiläum“ (Zulassung 1948), „Heinemanns Rotkäppchen“ (Zulassung 1957), „Heinemanns Nesthäckchen“, „Eros“ (Zulassung 1968) und „Heinemanns neue Buschtomate (N. Z. 430)“ – aus der Sorte „Findling“.

 Abb. 3: Auszug aus dem Großhandels-Preisverzeichnis der Samen-Handlung von Ernst Benary 1928-29, Seite 12.

Es gab weitere Saatzuchtfirmen die Tomaten züchteten, aber nach dem II. Weltkrieg nicht mehr in Erscheinung traten. Dazu zählen die Carl Pabst Samenzucht-Samenhandlung-Handelsgärtnerei. Bekannte Sorten waren „Pabst’s allerfrüheste“, „Pabst’s Riesen-Apfel“ und „Pabst’s dickfleischige“. Die Fa. Weigelt & Co. züchtete die Sorten „Weigelts Treibwunder“ und „Weigelts Erstling“. Außerdem beschäftigten sich die Saatzuchtfirmen A. Ziegler und F. Martin mit der Tomatenneuzüchtung. Sortennamen sind leider nicht überliefert.

In der Firma N. L. Chrestensen züchtete Hans Janck ab 1948 Buschtomaten. Diese brachte 1961 die Buschtomate „Chrestensens Edelrot“ heraus. 1967 wurde sie aber bereits wieder „wegen zu geringem landeskulturellem Wert“ aus der Sortenliste gestrichen.

Die Buschtomate „Perfekta“ von der DSG (Erfurter Samenzucht) ist von 1961 bis 1971 in der Sortenliste für landwirtschaftliche und gartenbauliche Kulturpflanzen der Zentralstelle für Sortenwesen Nossen zu finden. Letztmalig war die Sorte 1974 im Handel.

Das VEG (S) Zierpflanzen Erfurt konnte 1986 die Buschtomate „Gundula“, vom Saatzuchtleiter und Züchter Harald Kleim zur staatlichen Zulassung bringen.


Dr. agr. Rolf Bielau studierte Pflanzenproduktion/Pflanzenzüchtung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er promovierte am Institut für Züchtungsforschung Quedlinburg zum Thema „Methodik der Hybridzüchtung bei Buschtomaten“. Von 1981-1991 war er Abteilungsleiter für den Bereich Unterglas-Gemüsezüchtung am selbigen Institut. Hier züchtete er die Tomatensorten „Bodeglut“, „Ines“ und gemeinsam mit Dr. Friedrich Fabig die Sorte „Boderot“ (alles F1-Hybriden). Eine weitere gemeinsame Sorte, war die Gurke „Stella F1“. Ferner züchtete er die Kopfsalatsorten „Werina“ und „Wiresta“. Ab 1992 bis zu seiner Verrentung 2013 arbeitete Rolf Bielau für Samen Mauser Winterthur und ISP International Seeds Processing Quedlinburg, zum Teil auch im Ausland.

Diplom-Landwirtin Gisela Ewe studierte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Landwirtschaft. Sie war viele Jahre in der Landwirtschaft und im Obstbau (insbesondere Apfelanbau) beschäftigt. Seit ihrem Renteneintritt widmet sich Gisela Ewe ehrenamtlich den Tomaten. Seit 2010 gestaltet sie den Tag der offenen Tür des Tomatengartens in einer Ascherslebener Kleingartenanlage. Unter ihrer Leitung werden jährlich bis zu 300 verschiedene Sorten im Schaugarten angebaut.


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