Quedlinburg mit Züchterpfad

Der Pflanzenzüchtung auf der Spur – Welterbestadt mit Züchterpfad

Heinz-Dieter Hoppe

In der Welterbestadt Quedlinburg existiert seit Juli 2021 ein Züchterpfad. Die Idee dazu stammte aus den 1970er Jahren von Dr. Manfred Kummer, einem Züchtungsforscher aus dem Institut für Züchtungsforschung Quedlinburg. Allerdings gelang es erst in diesem Jahr, das Projekt zu realisieren. Federführend war daran die Interessengemeinschaft Saatguttradition des ansässigen Kultur- und Heimatvereins beteiligt, hier insbesondere Dr. Rolf Bielau, ein Quedlinburger Gemüsezüchter (https://khv-quedlinburg.de/index.php/saatguttradition/ig-saatguttradition).

Die Eröffnung des Züchterpfads erfolgte im 250. Jahr der Gründung der ältesten Quedlinburger Saatzuchtfirma Martin Grashoff (Abb. 1). Damit war der Grundstock gelegt für eine Entwicklung, die die Stadt zu Weltruhm in der Pflanzenzüchtung und Saatgutproduktion führte. Bereits vor der Gründung des Unternehmens spielte Gartenbau eine große Rolle in den Gärten der Äbtissinnen des Quedlinburger Reichsstiftes. Auch wenn es gegenwärtig nur noch vier Zuchtbetriebe in der Stadt gibt, hat der Begriff „Quedlinburger Saatgut“ immer noch Bedeutung.

Der Züchterpfad ist in mehrere Stationen gegliedert, die an historischen Orten den Samenbau in Quedlinburg anschaulich darstellen. Beginnend am Carl-Ritter-Platz, als zentralen Startpunkt, erhält der Besucher einen ersten Überblick zur Geschichte der Saatgutwirtschaft. Es folgen zehn weitere Stationen, die am ehemaligen Firmensitz von Martin Grashoff beginnen. Station Zwei führt zum am längsten genutzten Zuchtgarten Deutschlands, dem Abteigarten. Bis 2019 fand hier eine züchterische Nutzung statt. Der Weg setzt sich fort zum Stumpfsburger Garten, der von einer der größten Quedlinburger Saatzuchtfirmen bewirtschaftet wurde, Heinrich Mette & Co.

Abb. 1: Deckblatt des Saatgutkatalogs der Firma „Martin Grashoff“ von 1899.

Abb. 2: Ehemaliges Verwaltungsgebäude mit Saatgutspeicher der Firma Mette (Quedlinburg 2021)

Es folgt der Mette-Hof, auf dem um 1850 die Zuckerfabrik der „Handelsgesellschaft vereinigter Landwirte“ erbaut wurde. Die Fabrik brannte Ende des 19. Jahrhunderts ab und die Firma Mette siedelte dort ihren Firmensitz an. Heute befindet sich auf dem Gelände ein Einkaufszentrum. Zur Erinnerung an die frühere Nutzung ist noch das restaurierte Verwaltungsgebäude mit Saatgutspeicher von außen zu besichtigen (Abb. 2).

In der Nähe des Mette-Hofs ist die aufwendig restaurierte Villa einer weiteren Züchterfamilie zu finden. Die Villa war Sitz der Gärtnerfamilie Grußdorf. Ernst Hermann Grußdorf übernahm 1866 die Firma Martin Grashoff. Genau gegenüber sind die herunter gekommenen Gebäude des größten Quedlinburger Saatzuchtunternehmens zu sehen. Die Gebrüder Dippe sind mit ihren Rübenzüchtungen zu Millionären geworden. Sie lieferte um 1900 12% des Weltbedarfs an Rübensamen! Bemerkenswert ist auch, dass für die Mitarbeiter ca. 500 Betriebswohnungen zur Verfügung standen, davon allein in Quedlinburg um die 250. Weitere Wohnungen sind an den anderen Standorten des Unternehmens (Mahndorf, Oschersleben und Neuendorf) zu finden. Bei einem Stadtrundgang sind noch viele der Dippe-Betriebswohnungen als rote Backsteinhäuser erkennbar (Abb. 3).

Auf dem Firmengelände der Gebrüder Dippe AG wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Institut für Pflanzenzüchtung gegründet. Hier wurden zu DDR-Zeiten eine sehr intensive Gemüseneuzüchtung und Züchtungsforschung bei landwirtschaftlichen Kulturarten durchgeführt. Die Stationen Acht und Neun beschäftigen sich mit den Aktivitäten der DSG (Deutsche Saatzucht-Gesellschaft, später Deutsche Saatgut-Handelszentrale) und dem VVB Saat- und Pflanzgut der DDR. Die VVB (Vereinigung Volkseigener Betriebe) hatte eine konzernähnliche Struktur und kann mit großen westeuropäischen Saatgutunternehmen verglichen werden. Unter dem Dach der VVB waren 20 Saat- und Pflanzgut-Handelsbetriebe, 117 Saatzuchtgüter mit ca. 110.000 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche und 57 Zuchtstationen mit ca. 4.000 ha Zuchtgartenfläche zusammengefasst. Mehr als 20.000 Beschäftigte wirkten in der VVB.

Abb. 3: Ehemalige Betriebswohnungen der Gebr. Dippe in der Turnstraße (Quedlinburg 2021)

Abb.4: Deckblatt der Broschüre zum Quedlinburger Züchterpfad

Die letzte Station beschäftigt sich mit dem Wirken von Mathilde Ebert. Ihr gelang es, den Beruf der Blumenbinderin (heute Floristin) zum anerkannten Lehrberuf aufzuwerten. Sie lehrte an der Höheren Lehranstalt für Gartenbau in Weihenstephan. Ihre Blumenkreationen erhielten internationale Preise.

Der Züchterpfad kann nicht nur ganzjährig ergangen werden, sondern es existiert auch eine wunderschön gestaltete und inhaltlich hervorragend ausgestattete Broschüre über diesen Teil der Quedlinburger Geschichte (Abb. 4). Diese Publikation ist leider nicht käuflich zu erwerben, da sie mit Fördermitteln der Europäischen Union entstanden ist. Maßgabe war, dass sie nur kostenfrei zur Verfügung gestellt werden darf. Daher ist die Broschüre auch nur durch Nachfrage in der offiziellen Quedlinburg-Information erhältlich (https://www.quedlinburg-info.de/de/). Wer es sehr ausführlich haben möchte, kann auch eine Stadtführung speziell zum Züchterpfad buchen. Zum Beispiel beim Stiftshauptmann: http://www.stiftshauptmann.de/. Der Hauptmann, mit bürgerlichen Namen Hans-Jürgen Meie, war selbst viele Jahre in der Gemüsezüchtung in Quedlinburg tätig. Da die Auflage der Broschüre limitiert ist, kann es für den Interessierten jetzt nur heißen, so schnell wie möglich Quedlinburg zu besuchen. Es gibt allerdings noch eine Alternative. Auf der Homepage des Kultur- und Heimatvereins Quedlinburgs wird der Inhalt der Broschüre 1:1 wiedergegeben: https://zuechterpfad.khv-quedlinburg.de/.

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