Tigerella, das Grüne Zebra und die Indigo-Rose

oder: Die Geschichte der gestreiften und schwarzen Tomaten.

Von Jürgen Müller-Lütken

Jürgen Müller-Lütken hat in seinem Blog ichbindannmalimgarten.de jede Menge Informationen über die Züchtungsgeschichte der gestreiften und schwarzen Tomaten-Schönheiten zusammengetragen, die momentan so groß in Mode sind; wer alles ganz genau wissen will, muss den Beitrag im Original lesen. Das Folgende ist eine gekürzte Fassung.

Züchtung mit moderner Technik

Die Geschichte der gestreiften und schwarzen Tomaten kann auch als Geschichte der technischen Hilfsmittel gelesen werden, die in den letzten hundert Jahren zur „Verbesserung“ von Tomaten eingesetzt wurden: Von radioaktiver Bestrahlung über In-vitro-Kultur bis zur Bio- und Gen-Technologie ist alles dabei.

Neulich wurde eine ultra-violette Tomate,  prall gefüllt mit gesunden Anthocyanen, mit dem „Genom-Bearbeitungswerkzeug“ (kurz „Gen-Editor“) CRISPR/Cas erzeugt …

In den 400 Jahren von 1560 bis 1960 wurde jedoch nirgendwo eine Tomate abgebildet, die gestreift oder schwarz war.

Die erste Streifentomate

Eine gestreifte Tomate wurde erstmalig im Jahr 1948 im Report Nr. 1 der Tomato Genetics Cooperative (TGC) von 1951 erwähnt. Ein Gärtner soll eine ungewöhnliche Mutante mit gestreiften Früchten in seinem Garten gefunden haben. Dieses Merkmal war erblich und wurde „Green Stripe“ (abgekürzt „gs“)-Gen getauft und in die Liste der erblichen Merkmale von Tomaten aufgenommen.

Da seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit Hilfe radioaktiver Bestrahlung sowie erbgut-verändernder (mutagener) Chemikalien experimentiert wurde, um aller Nutzpflanzen zu „verbessern“, ist es möglich, dass das Streifen-Gen (gs) auf diesem Wege entstanden ist; da aber auch der Tomatenanbau um diese Zeit explodierte, kann es sich genau so gut um eine natürliche Mutation handeln…

Schwarze Haut für die Kultur-Tomate

Wie schon erwähnt, gab es niemals Kultur-Tomaten mit schwarzer Haut; aber es gab immer schon Wildtomaten-Arten mit schwarzen Früchten.

Das Kriterium für die „Art“ (im biologischen Sinne) ist, dass sich Individuen der einen Art nicht mit Individuen einer anderen Art verkreuzen können; das bedeutet, dass die schwarz-früchtigen Wildtomaten  nicht einfach mit der Kultur-Tomate gekreuzt werden konnten, um die schwarze Haut zu übertragen.

Aber Menschen finden doch immer Mittel und Wege, natürliche Barrieren, wie z. B. Flüsse oder eben Art-Grenzen, zu überwinden…

Dem „Vater der Tomaten-Genetik“ Charles M. Rick gelang es Anfang der 1950er, eine Kulturtomatensorte mit der Wildtomate Solanum lycopersicoides zu kreuzen; aber es entstanden dabei keine  fruchtbaren Samen. Mit Hilfe einer der ersten In-vitro(Labor)-Methoden, der „Embryonen-Rettung“ (Embryo Rescue) konnte er jedoch trotzdem ein paar verschmolzene Geschlechtszellen zu vollständigen Pflanzen aufziehen.

Nun hatte er zwar ein paar Pflanzen, aber auch diese produzierten keine fruchtbaren Samen, so dass er hätte weiter kreuzen können, wie das notwendig ist, wenn man bestimmte Merkmale verschiedener Pflanzen miteinander kombinieren möchte.

Durch eine Colchizin-Behandlung gelang es ihm jedoch, die Chromosomensätze der Kindpflanzen zu verdoppeln, sie also tetraploid zu machen, wodurch die Fruchtbarkeit der männlichen Geschlechtszellen zunahm.

Auf diesem „natürlichen“ Weg konnten nahezu sämtliche Eigenschaften verschiedener Wildtomaten in das Genom der Kulturtomate überführt werden. Für jedes Merkmal dieser Wildtomaten hält heute das T. M. Rick Tomato Genetics Resource Center (TGRC) in Kalifornien eine Linie der Kulturtomate bereit.

1951 war die gesundheitsfördernde Wirkung von Anthocyanen allerdings noch kein Thema, so dass die entsprechenden Gene nicht nachgefragt wurden.

Aber Anfang der 1970er Jahre – auf dem Höhepunkt der ersten Gen-Technik-Welle, soll die gestreifte Tomate „Tigerella“ in Großbritannien aufgetaucht sein.

Es stellt sich deshalb die Frage:

Die Tomatensorte „Tigerella“ und die Gen-Technik

…vor allem, wenn man sich etwas mehr mit der Materie beschäftigt.

Ende der 1960er, Anfang der 1970er war nicht nur die Desoxyribo-Nuclein-Säure (DNS, Englisch DNA) als Bau- und Prozessplan (fast) aller Lebewesen bekannt, sondern auch die Möglichkeit, die DNS zu zerschneiden und neu zu kombinieren, sie zu re-kombinieren, wodurch Erbeigenschaften einer Art mit denen einer anderen Art zusammengeführt werden konnten.

Hat also irgendein Labor in Großbritannien eine kleine Fingerübung am beliebten Forschungsobjekt „Tomate“ veranstaltet und das „Streifen-Gen“ (gs) in die damals beliebte, schottische Tomaten-Sorte „Alisa Craig“ eingesetzt?

Nein, „Tigerella“ wurde von Lewis A. Darby, dem Leiter der Pflanzenzüchtung beim britischen „Glasshouse Crops Research Institute“ in Littlehampton am Ärmelkanal ganz konventionell gezüchtet.

Seit 1956 war L. A. Darby auch Mitglied der „Tomato Genetics Cooperative (TGC)“, so dass er das gs-Gen ohne Probleme aus den USA bekommen haben wird.

Trotz ihres besonderen Aussehens erreichte „Tigerella“, diese normal große, rote, gelb-gestreifte Tomate, Anfang der 70er nur eine begrenzte Verbreitung.

War die Welt 1973 noch nicht bereit für eine ungewöhnliche Tomate oder gab es einen anderen Grund, warum sie kein Schlager wurde?

Diese Frage ist berechtigt; denn schon zehn Jahre später sorgte eine gestreifte Tomate für Furore, obwohl sie reif grün war und bis auf die Streifen auch blieb: die „Grüne Zebra“-Tomate.

Abb. 2: Ein paar „Grüne Zebras“ am Strauch …

Die welt-berühmte Tomatensorte „Green Zebra“

Tom Wagner (Wahlspruch „I couldn’t find enough varieties, so I had to create my ownschreibt 2013 bei Tomatoville über Tigerella: „Ich habe vor dreißig Jahren aufgegeben, Tigerella zu verwenden, da sie, ehrlich gesagt, minderwertig war.“

Tom Wagner hat sich als erster mit der Züchtung von gestreiften Tomaten beschäftigt; er hat bis 1983 die „Green Zebra“ gezüchtet.

Woher er das Streifen-Gen (gs) für sein „Grünes Zebra“ bekommen hat, erzählt er in einem seiner Foren; er will die Streifen zufällig in der vormaligen Tomaten-Genbank in Ames (Iowa) gefunden haben, die 1987 nach Geneva (New York) verlagert wurde, in die dortige „Plant Genetic Resources Unit (PGR)“.

Dort ist es immer noch zu finden…

…und zwar in der Inventurliste 162, die alle Pflanzen-Zugänge vom 01. Januar bis 31. Dezember 1954 enthält.

Das Bild, das dort unter Details for: PI 212429, Solanum lycopersicum L., ‚Pollack 1025-1-50 #17-168‘ eingebunden ist, stellt eindeutig eine gestreifte Tomate dar.

Dem Namen nach handelt es sich um das Gen, das 1948 erstmalig erwähnt wurde; denn „Pollack“ hieß einer der beiden, die es damals im Report Nr. 1 der Tomato Genetics Cooperative (TGC) von 1951 beschrieben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Lewis Darby und Tom Wagner für die Züchtung der „Tigerella“ und der „Green Zebra“ dasselbe Gen genutzt haben, ist also extrem hoch.

Das Grüne Zebra galoppierte, kaum erwachsen, rasend schnell als (vermeintliche) Erbstück(Heirloom)-Tomate um den ganzen Erdball.

Das wäre sicher nicht passiert, wenn die Welt-Gärtnerschaft keine große Lust auf den Anbau eigener, bunter Tomaten verspürt hätte; die Zeit musste also reif sein für gestreifte Tomaten – genau so, wie für eine anthocyan-haltige „Gesundheitstomate“.

Die erste anthocyan-haltige Tomatensorte „Indigo-Rose“

Ende der 1990er Jahre hatte der damalige Doktorand C. M. Jones an der Staatsuniversität von Oregon erste Voruntersuchungen über die gesundheitsdienlichen Farbstoffe der Tomate angestellt und dabei auch das Anthocyanin produzierende Gen Af (bzw. Aft) unter die Lupe genommen.

Anschließend kreuzte der Leiter der dortigen Pflanzenzuchtabteilung, Jim Myers, weitere anthocyanin-produzierende Gene wilder Tomaten aus den entsprechenden Linien des TGCR in Kulturtomaten ein, bis er letztlich 2012 die Tomatensorte „Indigo-Rose“ der Öffentlichkeit präsentieren konnte.

Gestreifte und schwarze Tomatensorten wie Sand am Meer

Anschließend kreuzten Tomaten-Enthusiasten, wie Tom Wagner, Brad Gates, Fred Hempel  und andere, diese Tomaten-Neuheiten miteinander und schenkten uns die jetzige Flut an schwarzen und gestreiften Früchten.

Da aber jeder Mensch (und natürlich auch die Hummel) Tomaten kreuzen kann, haben sich diese modernen Sorten mittlerweile wie Sand am Meer vermehrt.

Viele Menschen geben ihre Samen zwar auch gerne ungekreuzt weiter, benennen sie aber oft aus unterschiedlichen Gründen um, weshalb sich möglicherweise nur die Anzahl der Sortennamen unendlich vermehrt hat.

Wie dem auch sei: Ich gestehe, dass ich nicht besonders glücklich bin (so, wie andere auch) über all die neuen Gene, mit denen die Tomaten angereichert wurden und werden; aber da ich die Zukunft nicht aufhalten kann (und will), rufe ich Euch frohgemut zu: Tragt das Eure zur Tomatenvielfalt bei, indem Ihr selber kreuzt und Hummel-Kreuzungen vermehrt, was das moderne Zeug hält; denn genetische Vielfalt braucht die Welt!

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